Der Mann mit der Zigarre


 
 
 

Schon vor 60 Jahren gab es Sexismus. Das belegen Fälle, die in Ebersbach und in Zittau passierten.

Das Thema Sexismus ist derzeit immer wieder Thema in den Medien, weil immer neue Übergriffe dominanter Männer auf Frauen aus dem Filmgeschäft, aber nicht nur von dort, bekannt werden. Doch der Sexismus, also die Diskriminierung des anderen Geschlechts, insbesondere des weiblichen, verdeckt oder offen, ist keine Erscheinung der Neuzeit. Schon vor Jahrzehnten gab es dieses Phänomen, auch in der DDR, auch in der südlichen Oberlausitz. Eine öffentliche Debatte wurde darüber nicht geführt, weil es nicht ins Sozialismusbild passte. Aber wer aufmerksam Polizei- oder Gerichtsberichte las, der fand dafür etliche Belege, welche Probleme manche Männer im Umgang mit Frauen hatten.

Vor 60 Jahren, im Sommer 1958, machte zum Beispiel das Volkspolizeikreisamt Löbau publik, dass ein „Kleiderzerreißer“ in Ebersbach sein Unwesen getrieben habe. Die VP bat die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach dem Mann, der in einer Wohnung an der Hauptstraße Schränke durchwühlt hatte und es dabei vor allem auf Damenwäsche abgesehen hatte, die er herauswühlte und zerriss.

Dieser Täter bevorzugte die Anonymität und wollte offenbar unentdeckt bleiben, was ihm wohl auch gelang. In einem anderen Fall, der im Herbst 1958 vor dem Kreisgericht Zittau verhandelt wurde, war ein ganz anderes Kaliber am Werk. Als „Mann mit der Zigarre“ hatte er für Aufsehen gesorgt. Insbesondere Frauen, die vor Schaufenstern standen und sich die Auslagen betrachteten, waren seine Opfer. Mit einer brennenden Zigarre zwischen seinen gespreizten Fingern versengte er im Vorübergehen den Damen die Kleidung, so einen Pelzmantel oder einen neuen selbstgenähten Anorak. Einmal soll der damals 40-Jährige mit dem Glimmstängel einer Frau sogar über den Oberschenkel gestrichen haben. Auf die Spitze trieb es der smarte Zeitgenosse, der sich vor Gericht vollkommen unschuldig gab, als er einem weiteren Opfer fast den Pelz in Brand steckte. Bis zum Innenfutter hatte er der Frau ein fünf Zentimeter großes Loch in das Kleidungsstück gebrannt. Die Betroffene meldete den Fall der Polizei, und so kam der Fall vor Gericht. Leider hatten die anderen Opfer geschwiegen und sich mit einem geheuchelten „Das kann doch mal passieren“ des Täters abspeisen lassen. Daher konnte der „Mann mit der Zigarre“ nur für den angezeigten Fall zur Rechenschaft gezogen werden. Folglich kam er mit einer für damalige Verhältnisse geringen Strafe von vier Wochen Gefängnis davon.

Geläutert war der Angeklagte allerdings nicht. Dreist sagte er dem Gericht, dass er sich inzwischen das Rauchen im Straßenverkehr abgewöhnt habe. Was den SZ-Gerichtsreporter zu der Bemerkung veranlasste: „Darüber kann man natürlich nur lächeln; denn mit dem Rauchen allein hing die Sache wohl nicht zusammen.“