Handwerk: Zarter Tobak

Zigarrenmanufactrice Annette Meisl

 
 
 

Mitten in Köln rollt Annette Meisl kubanische Zigarren und betreibt einen dazu passenden Salon. Ihre Kunden sind vor allem Männer. Doch das soll sich jetzt ändern.

Die erste Zigarre vergisst man nicht. Vor allem dann nicht, wenn man sie mit dem „alten Mann“ schlechthin geraucht hat. Am letzten Tag des Jahres 1999 saß Annette Meisl auf einer Veranda in Kuba und ließ sich von Gregorio Fuentes Geschichten erzählen. Fuentes war derjenige, der sich als Kapitän jahrelang um die „Pilar“ kümmerte, das Boot von Ernest Hemingway, und der ihn angeblich zur Figur in „Der alte Mann und das Meer“ inspirierte. Eigentlich hatte Meisl kurz zuvor mit dem Rauchen aufgehört. Aber dem Charme dieses Hundertjährigen konnte sie sich nicht entziehen.

Dass die Zigarre in ihrem Leben einmal eine so große Rolle spielen würde, das hätte die Frau mit den rotblonden Locken allerdings nicht gedacht. Ihre Liebe zur Zigarre hat dazu geführt, dass sie seit zehn Jahren ein Stück Kuba nach Köln importiert. „Reiner Zufall“, sagt sie.

Für Meisls Zigarren kommen die Kunden nach eigenen Angaben aus Hongkong oder aus den USA nach Köln-Ehrenfeld. Hier verkauft sie in einem Laden „La Galana“-Zigarren, die in sechs verschiedenen Formaten erhältlich sind. Corona, Petit Toro, Robusto und Co. kosten zwischen 4,70 Euro und 19 Euro pro Stück, allesamt Longfiller-Zigarren, also aus ganzen Blättern statt zerstückeltem Tabak. Zudem gibt es eine Salon-Reihe sowie eine Auswahl von rund 25 anderen Marken. Reiner Zufall?

Für das Rauchen nimmt man sich Zeit, zwischen Tür und Angel funktioniert das nicht

„War alles nicht so geplant“, sagt Annette Meisl, die ihr Alter nicht verraten möchte, aber vermutlich Mitte 50 sein dürfte. „Vielmehr Ironie des Schicksals“. Die Künstleragentin wollte den Deutschen eigentlich nur ein bisschen was von ihrer Kuba-Liebe mitgeben. Also fing sie an, auf Konzerten von Salsa- und Son-Bands Frauen an einem kleinen Tisch Zigarren drehen zu lassen, und lernte selbst, wie das geht. Mit ihren kubanischen Rollerinnen reiste sie für Events nach Monaco, Palma de Mallorca, Dubai, Damaskus. Irgendwann trudelte eine offizielle Genehmigung des Hauptzollamts ein, die es ihr erlaubte, eine eigene Manufaktur zu unterhalten. „Ich kann mich gar nicht erinnern, das je angefragt zu haben“, sagt Meisl. Egal. Sie fing also an, mit ihren Damen einen Blend zu entwickeln, „keinen harten Tobak, sondern was Mildes“. Die Zigarren drehten sie in einer Ecke ihres Büros. Ein paar Jahre später war von Meisls Agentur nichts mehr übrig: Das Zimmer im Erdgeschoss des denkmalgeschützten Hauses wurde zum Laden, das Hinterzimmer zum Salon.

„Härrlisch!“ sagt Werner. Aus seinem Mund blubbert langsam weißer Dampf. Zur Mittagszeit hat es sich der ältere Herr auf dem Ledersofa gemütlich gemacht, mit einer Zigarre und einer Tasse kubanischem Kaffee. So wie Werner trudeln hier jeden Tag ganz unterschiedliche Menschen ein, um zu rauchen. Für die Zigarre nimmt man sich Zeit, zwischen Tür und Angel funktioniert das nicht. Meist versinkt die überwiegend männliche Kundschaft für anderthalb Stunden in einem der Sofas. „Das hat schon was Rituelles“, sagt Meisl. Das Besondere sei die Langsamkeit, die das Rauchen mit sich bringe. „Wenn ein paar Leute zusammensitzen, um Zigarre zu rauchen, muss ich manchmal kurze Zeit später nachsehen, ob überhaupt noch jemand im Raum ist.“ So ruhig sei es dann im Salon.

Eine Bar dürfen sie hier nicht unterhalten, aber im sogenannten Degustationssalon kann jeder bis 20 Uhr sitzen, zur gekauften Zigarre gibt es ein kostenloses Getränk dazu, so die Gesetzeslage. Abends finden hier Seminare, Rum-Verkostungen und Musikabende statt.

Die Zigarre steckt längst nicht mehr nur im Mundwinkel von Schröder und Schwarzenegger

Das „Institut für Erwachsenenbildung“, wie Meisl ihren Salon getauft hat, sieht genauso aus, wie man sich einen Salon vorstellt. Ein Chesterfield-Sofa aus braunem Leder steht vor einer Backsteinwand, gegenüber ein schwarzes Klavier, am Fenster hängen dunkelrote Samtvorhänge über einem dunkelroten Samtsofa, und in der Ecke hat eine kleine Bar ihren Platz. Alte Radios und Koffer stapeln sich auf einem Regal, in dem Aschenbecher, Feuerzeuge und Reise-Humidore präsentiert werden, und an der Wand sind Porträts aller Mitarbeiterinnen zu sehen.

Die Zigarren, die vor allem zu Events frisch vor Ort gerollt werden, bestehen aus fünf verschiedenen getrockneten und fermentierten Tabakblättern von unterschiedlichen Teilen einer Pflanze. Die frischen Zigarren sind etwas schärfer, die reguläre „La Galana“ wird hingegen in Honduras produziert und eingeflogen.

Die Zigarre gilt immer noch als Statussymbol, doch steckt sie längst nicht mehr nur im Mundwinkel von Gerhard Schröder, Arnold Schwarzenegger und Udo Lindenberg. Während der Zigarettenkonsum in Deutschland langsam sinkt, ist der Verkauf von Zigarren und Zigarillos laut Jahrbuch für Sucht 2018 um 6,5 Prozent gestiegen. Experten sprechen vom „Hipster-Effekt“, die Zigarre passt in das Konglomerat aus Schnurrbart, Fixie, Männer-Dutt. Weniger gesundheitsschädlich als Zigaretten sind Zigarren allerdings nicht, höchstens insofern, als niemand jeden Tag mehrere davon raucht, sondern sich eher eine pro Woche ansteckt. Die Zigarre ist eine Männerdomäne, nach rauchenden Frauen muss man Ausschau halten, die bekommen den Stumpen vor allem bei Fotoshootings in die Hand gedrückt, wenn sie im Nadelstreifenanzug (natürlich ohne Hemd darunter) lasziv in die Kamera gucken sollen. Auf cigarrenjournal.com findet man eine Erklärung, die spätestens seit Bill Clinton und seiner ach so wohlschmeckenden Lewinsky-Zigarre bekannt sein dürfte: „Die Zigarre hat etwas Phallisches“.

Grenzen überschreiten? Sollte man viel öfter. Und so hat sich Meisl fünf Liebhaber gesucht

Annette Meisl ist dieser Gedanke fremd. Oder auch: egal. Nicht ohne Grund heißt ihr Laden wie die Zigarre „La Galana“, was für Edelfrau wie Lebefrau gleichermaßen stehe. „Die Galana macht, was sie will. Und nimmt sich, was sie will. Für mich ist das ein Statement, wie ich gern sein möchte, und wie ich mir auch andere Frauen wünsche“, sagt Meisl, die sich gerne als Femme fatale inszeniert mit schwarzer Spitzenstrumpfhose und dunklem Kajal um die grünen Augen.

Mutig sein: Das hat sie sich vor ein paar Jahren selbst bewiesen, als sie nach ihrer Scheidung ihr „5L-Projekt“ startete und sich zeitgleich fünf Liebhaber organisierte. Nur Sex, keine Liebe. In einem Buch hat sie über ihre Erfahrungen während des Experiments recht explizit geschrieben. Nicht jede Frau müsse sich eine Reihe Liebhaber suchen, aber Grenzen überschreiten, „das sollte man viel öfter machen“, findet sie.

Auch beim Rauchen. Am Abend liegt die Quote bei vier Frauen zu neun Männern. Annette Meisl hat zu einem Musikabend eingeladen, bei dem sie zur Gitarre „La vie en rose“ und „Habanera“ singt. In dem Raum steht der Rauch, sie lässt sich davon nicht beirren. „Dann wird die Stimme so, wie ich es mag“, sagt sie augenzwinkernd. An diesem Abend will sie nichts dem Zufall überlassen.