Das Anti-Depressivum zum Sonntag: Die Toscano

Die Toscano war ein Unfall

 
 
 

Eis und Espresso schlonzend sitze ich im Straßencafé und beobachte einen jungen, durchaus adrett gekleideten Mann, der auf der anderen Straßenseite in größeren zeitlichen Abständen Passanten anspricht. Aus den unwirschen bis feindseligen Reaktionen schließe ich, dass er um Geld schnorrt und sich dabei gar nicht erst mit Münzen zufrieden geben will. Längst ist ein zweiter Espresso geschluckt, da löst sich das Rätsel, ein Mann zückt sein Feuerzeug, und der Bittsteller kann eine Zigarette anzünden. Er hatte einfach nur nach Feuer gefragt. Sicher wäre er schneller ans Ziel gekommen, wenn er ein paar Cent bekommen und sich dafür ein Einwegfeuerzeug geholt hätte.

Als Raucher ist man auf der Stufe der menschlichen Existenzformen inzwischen ganz unten angelangt. Selbst Kiffer, Priester, Journalisten und Politiker genießen mehr Sympathien als Tabakraucher. Das hat zwar eine gewisse Tradition und ist nicht wirklich neu, doch den puritanischen Enthaltsamkeitsaposteln ist in unserer Zeit als weiterer moralischer Sittenwächter die WHO zur Seite getreten. Tabakrauchen ist unbestritten ungesund, aber der weltweit grassierende Gesundheitseifer mit seinen religiös anmutenden Diätvorschriften und Fitnessprogrammen, auf dessen Abschussliste schon längst weitere Genussmittel stehen, geht heftig über das Rationale hinaus. Die fanatisch-religiösen Parallelen zwischen Ernährungs- und Gotteskulten kommen nicht von ungefähr. Hinter beiden steht die Hoffnung auf Unsterblichkeit. Bis zum Okkultismus und zur Esoterik ganz allgemein ist es da nicht mehr weit.

Meine letzten Zigaretten dürfte ich als Schüler in den frühen 1970ern geraucht haben. Danach folgten viele rauchfreie Jahre, bis ich Ende der 1980ern durch Zino Davidoff die Cigarren entdeckte. Und Havanna hin, Havanna zurück – die mir heute liebste kommt aus Italien. Als Sergio Leone 1964 den ersten Italo-Western – Für eine Handvoll Dollar – drehte, ging er ein beträchtliches Risiko ein. Der Film konnte leicht ein Flop werden. Das Filmgenre Western war ausgelutscht, und die früheren Helden, stets moralisch makellose Gestalten jenseits jeder Glaubwürdigkeit wurden von den Kinogängern nicht mehr ernst genommen. Doch Leone wollte den Film unbedingt drehen, da ihn Akira Kurosawas Samuraifilm Yojimbo sehr beeindruckt hatte und er spürte, dass die Geschichte des einsamen Rächers beim Publikum gut ankommen könnte. Denn dieser hatte mit den alten, verlogenen Lichtgestalten wie James Stewart, John Wayne und Gary Cooper – außer ihrer Treffsicherheit – kaum noch etwas zu tun.

Clint Eastwood rauchte Für eine Handvoll Dollar

Leone, damals ein junger Regisseur mit gerade einem eigenen Film auf dem Konto, drehte seinen Western für ein italienisches Publikum. Im südlichen Teil des Landes war zu dieser Zeit das Fernsehen noch nicht sehr verbreitet, und die Leute gingen oft und gerne, nicht selten mehrmals pro Woche ins Kino. Nun galt es, den Leuten deutlich zu machen, dass der Held von Für eine Handvoll Dollar einer war, wie sie ihn noch nie gesehen hatten. Vor allem musste deutlich werden, dass er ein ganz und gar knallharter Knochen war. Und dazu bediente sich der Regisseur eines genialen Kniffs, der nur in Italien funktionieren konnte. Er ließ den einsamen Reiter Joe, verkörpert vom damals noch kaum bekannten Clint Eastwood, pausenlos rauchen.

Was daran sei genial, fragen Sie. Nun, Joe rauchte nicht irgendwas. In seinen Mundwinkeln steckte den ganzen Film über etwas, das jeder in Italien kannte. Dieser äußerlich einem getrockneten Hundeköttel nicht unähnliche Glimmstängel war nämlich italienischen Ursprungs und heißt Toscano und wird bis heutezu in der Toscana hergestellt. Und das besondere: diese kleinen Tabakrollen haben es gewaltig in sich, weshalb sie in ihrem Heimatland „Drei-Männer-Cigarre“ genannt werden: einer raucht sie, die beiden anderen halten ihn fest. Was für ein Typ musste jemand sein, der die Toscano nicht nur ohne stützenden Arme raucht, sondern auch noch eine nach der anderen!

Meinen ersten Zug an meiner ersten Toscano werde ich kaum vergessen, obwohl ich mit Cigarren schon meine Erfahrungen hatte und wusste, dass man deren Rauch niemals inhaltiert (“Eine Cigarre schmeckt auf der Zunge, nicht in der Lunge!”) Dennoch stellte sich umgehend ein Nikotinflash ein, der mir den Boden unter den Füßen gnadenlos wegzog und den Gleichgewichtssinn ausknipste; damals hätte ich wirklich gut zwei Hilfesteller brauchen können.

Die Toscano war ein Unfall

Die Toscano ist eine schlanke, freundlich gesagt „rustikal“ wirkende Kentucky-Cigarre mit sehr, sehr kräftigem, würzigem Aroma. In Italien haben Toscani eine Tradition, die bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück geht. Auch heute findet man sie dort in jedem Tabakladen. Sie sind fester Bestandteil der italienischen Lebensart und passen hervorragend zu Wein, Grappa und Espresso.

Bei fast jeder epochalen Entdeckung der Menschheit spielt ein Unfall, ein Versehen oder eine Tolpatschigkeit die entscheidende Rolle, also auch bei der Entstehung der Toscani. Anfang des 19. Jahrhunderts kam eine florentinische Manufaktur für Pfeifen- und Schnupftabak durch ein Missgeschick hinter die Rezeptur. Der Regen eines Sommergewitters soll, so die offizielle Chronik, den dort im Innenhof gelagerten Kentucky Tabak durchnässt haben. Die Hitze des Sommers, mit der in Florenz nicht zu spaßen ist, hatte daraufhin heftige Gärungsprozesse in Gang gesetzt, was eigentlich das Aus für den betroffenen Tabak bedeutete. Der Inhaber der Fabrik beschloss jedoch, als guter Geschäftsmann nie um eine Idee verlegen, seinen Schaden so gering wie möglich zu halten und den „verdorbenen“ Tabak nicht wegzuwerfen, sondern ihn als Füllstoff für Cigarren zu benutzen. Diese sollten dem Volke zu einem günstigen Preis angeboten werden.

Mit ihrem Inneren aus derart fermentiertem Tabak und nur mit einem Deckblatt, aber ohne Umblatt versehen, kam die kleine Cigarre für noch kleineres Geld auf den Markt und wurde sogleich begeistert angenommen. Zunächst namenlos wurde sie vom Volksmund sehr bald als Toscano bezeichnet. Der Hersteller rieb sich die Hände, dankte der Madonna für das Sommergewitter, zündete eine große Kerze an und beschloss sogleich, die Gunst des Grundgütigen zu nutzen und errichtete eine eigene Fabrikationsstätte für den neuen Cigarren-Typ.

Ich bin zwei Zigarren

Fast alles ist bei den Toscani anders als bei anderen Cigarren, und hier sei vor allem das zunächst etwas merkwürdig anmutende Ritual des Halbierens genannt: der Raucher teilt nämlich vor dem Anzünden eine Toscano, die zwar dünn, aber doch etwa 17 cm lang ist, in der Mitte durch, sei es, dass er sie bricht, sei es, dass er sie mit einem Messer oder einer Cigarrenschere in zwei Hälften teilt. Vor allem dem Anfänger ist dieser Brauch wärmstens ans Herz gelegt, denn eine ganze Toscano kann selbst den erfahrenen Raucher leicht aus der Kurve tragen.

Ebenfalls anders als bei herkömmlichen Cigarren sind Herstellung und Bestandteile der Toscano. Besonders interessant ist die Fermentationstechnik. Nachdem der Tabak entrippt wurde, wird er in Wasser getaucht und anschließend in Fässern feucht vergoren. Dabei entwickelt sich der unvergleichliche Geschmack. Je nach Sorte wird bei Fermentation und Reifung variiert. Angebaut wird der Tabak hauptsächlich in der Toskana und in Umbrien. Nur für die Deckblätter werden meist original Kentuckys aus den USA verwendet. Es wird, anders als bei herkömmlichen Cigarren kein Umblatt gebraucht, die Decker werden nur mit etwas Maisstärke bestrichen, die den Rauchkanal abdichtet und die Füllung fixiert. Fertig. Das alles hört sich für den Liebhaber feiner und edler Cigarren recht merkwürdig an, und ohne Zweifel ist es das auch, aber mit Dogmatik kann man den Toscani nicht kommen.

Es gibt verschiedene Toscano-Varianten und Qualitäten, so die Classico, die Antica, die Extra Veccio und, das non plus ultra, die rein von Hand gefertigte Antica Riserva, die mehr als ein Jahr lagert, ehe sie in Zweierschachteln in den Verkauf gelangt. Etwa 550 Antica Riserva kann eine Arbeiterin täglich herstellen. Die anderen Sorten lagern und reifen in Kellern zwischen vier und sechs Monate vor dem Verkauf und sind in Fünferschachteln verpackt.

In ihrer Aufbewahrung sind die Toscani absolut anspruchslos, hätte Clint Eastwood sie sonst in den unwirtlichen Gegenden seines fimischen Wirkens geraucht? (Übrigens: die meisten Italo-Western wurden in Spanien gedreht, wo die Versorgung mit Toscani nicht so einfach war; Leone, wie die meisten anderen der Crew selber Toscanoliebhaber, ließ daher immer wieder Nachschub aus Italien kommen, der, als Filmmaterial deklariert, am Zoll vorbei geschmuggelt wurde). Sie benötigen keinerlei feuchte Lagerung in einem Humidor. Anders als bei Karibik-Produkten hat die trockene Toscano ein besseres Brandverhalten, als die feucht gelagerte. Daher kann man sie im Grunde übeall lagern. Man setze die Toscani nur keinen starken, fremden Gerüchen über längeren Zeitraum aus, ebenso sollte man starke, fremde Gerüche keiner Toscano aussetzen.

Die erste Toscano ist für Manchen wohl auch zugleich die letzte

Die erste Toscano ist für Manchen wohl auch zugleich die letzte, zu ungewöhnlich ist der Geschmack dieser echten Aroma- und Nikotinboliden. Einmal bot ich einem mit allen Wassern gewaschenen und der Cigarre keineswegs abholden Freund eine halbe Toscano an, er dankte höflich und zündete sie an, um sie wenige Augenblicke später dezent im Ascher erlöschen zu lassen. Auch einem befreundeten Musiker, mit dem ich schon so manche Cigarre teilte, reichte ich einst eine halbe Toscano; er versprach, sie später zu rauchen und Bericht darüber zu erstatten und steckte sie ein. Gehört habe ich danach nichts mehr von ihm, außer in Funk und Fernsehen.

Man nähere sich der Toscano, sofern man überhaupt an diesem Laster interessiert ist, also vorsichtig und komme vor allem nie auf den Gedanken, ihren Rauch zu inhalieren (was beim Genießen im Freien auch schon mal unfreiwillig passieren kann). Doch hat man sich erst einmal mit dem ungewöhnlichen Aroma und der Kraft angefreundet, wird man feststellen, dass eine Toscano den puren Genuss bietet. Vielleicht dazu ein Espresso, am besten natürlich unter südlicher Sonne und nachdem man eine Ganze mit einem sympathischen Menschen geteilt hat. Falls das gerade nicht geht, dann eben hierzulande, die Toscani sind in Deutschland mühelos erhältlich, wenn auch nicht immer alle Varianten. Für einen ersten Versuch sollte man, ich erwähnte es, zwei kräftige Freunde dabei haben.

„Nimm einen Zug“, sagt Clint Eastwood im dritten Teil der Dollar-Trilogie, der als „The Good, The Bad and The Ugly“ zu Weltruhm gelangte, zu Eli “The Ugly” Wallach, „da kannst du gut kacken.“ Da ist schon etwas dran.

Nachtrag: Eben finde ich im Internet eine Illustration, die wohl aus einem Filmplakat abgeleitet wurde. Da sieht man Clint Eastwood mit einem mehr als debilen Gesicht, denn ein Mundwinkel ist grotesk hochgezogen und lässt einige hamsterartige Zähne frei. Da hat man ihm tatsächlich die Toscano wegretouchiert. So wie man auch schon Sartre, Serge Gainsbourg, Robert Johnson, John Lennon oder Jacques Tati Kippe und Pfeife auf Plakaten, Buchcovern und Briefmarken klaute. Ein Trost bleibt: auch die p. c. Zensoren sind nicht unsterblich.