Ventura Cigar: Sturm im Kopf

Michael Giannini

 
 
 

Michael Giannini, Chef von Ventura Cigar, tourte diesen Sommer mit seiner Zigarrenmarke Psyko Seven durch die Schweiz. Ein Gespräch über Mut, Kreativität, das Anderssein und den Moment, in dem sich alles zusammenfügt.

Ihre Geschäftsphilosophie besteht darin, furchtlos zu sein. Was heisst das?
Michael Giannini: Wir realisieren meistens gar nicht, wie stark wir durch unsere eigenen Eltern beeinflusst werden. Es ist doch unglaublich, wie viel die wissen, wenn man selbst glaubt, alles zu wissen. Als mein Vater im Sterben lag, verbrachte ich etwa einen Monat mit ihm. Er sagte mir damals: Was du niemals verlieren solltest, ist deine Furchtlosigkeit gegenüber jedem und allem. Ich hätte nie gedacht, dass mein Vater mich überhaupt so sieht.

Also beschlossen Sie, fortan furchtlos durchs Leben zu gehen?
Es waren starke Worte für mich. Die Furchtlosigkeit hat mich dazu gebracht, verschiedene Dinge auszuprobieren, an diverse Orte zu reisen und ganz generell vermeintlich festgeschriebene Grenzen zu überschreiten.

Wie passt der Totenkopfring, den Sie tra­gen, in diese Geschichte?
Mit dem Ring zelebriere ich das Leben, nicht den Tod. Er erinnert mich jeden Morgen daran, mein Leben zu leben, es zu geniessen, nett zu sein mit meinem Mitmenschen und zu versuchen, so viel wie möglich rauszuholen von dem, was in mir steckt. Ich will an meinem letzten Tag nichts bereuen.

Im Jahr 2016 kehrten Sie der Zigarren­ industrie den Rücken; aus Verzweiflung, heisst es.
Ich war damals als Entwicklungschef bei General Cigar tätig und ständig in den Fabriken unterwegs. Wir produzierten zum Beispiel die US-amerikanische La Gloria Cubana oder die Zigarren für Foundry Cigars. Ich hatte viel Spass, weil ich kreativ sein konnte. Als 2015 klar wurde, dass die amerikanische Food and Drug Administration künftig die Kreation neuer Premiumzigarren quasi verunmöglichen will, schloss ich dieses Kapitel ab und nahm ein Jahr später eine Auszeit.

Um was zu tun?
Alles, was ich in meinem vorherigen Leben nicht konnte. Zuvor sass ich ja mehrheitlich in Flugzeugen, besuchte Tabakshops, schlief in Hotels und reiste zum nächsten Tabakladen. Ich beschloss, nach Los Angeles zu gehen, weil ich dachte, ein kreativer Mensch wie ich gehöre dorthin. Und tatsächlich verliebte ich mich in die Atmosphäre, in die Leute, in einfach alles dort.

2017 starteten Sie bei Ventura Cigar. Was hat Sie dazu bewegt, in die Zigarrenwelt zurückzukehren?
Ganz einfach: Ich mochte die Leute, die dort arbeiteten. Die Kultur des Unternehmens gefiel mir. Ich wollte Teil davon sein. Und man versicherte mir, dass es eine Möglichkeit für mich gäbe, Zigarren zu kreieren.

Sie studierten einst Psychologie. Die Zi­garrenlinie Archetype von Ventura Cigar ist dem Freudschüler Carl Jung gewid­met, reiner Zufall?
Ja, weil die Linie bereits existierte, als ich zu Ventura Cigar stiess. Aber es war definitiv ein gutes Karma, in ein Unternehmen zu kommen, das ein solches Produkt zulässt. Eins, das auch von mir hätte sein können.

Sie scheinen am richtigen Ort angekom­men zu sein.
Ich mag Kunst, ich mag Zigarren und ich erzähle gerne Geschichten. Genau das machen wir bei Ventura Cigar. Es gibt ja einen ganzen Haufen traditionelles Zeug da draussen. Wir hingegen besitzen keine eigenen Fabriken, verfügen über keine Heritage-Brands und niemand von uns ist kubanischer Herkunft. In Kalifornien macht man in so einem Fall einfach sein eigenes Ding. Letztlich geht es darum, mit unseren Ideen anders zu sein und so unsere Geschichte zu erzählen.

Wie lautet die Geschichte der Zigarren­linie Psyko Seven?
Als die Marke vor sechs Jahren rauskam, waren die meisten Zigarrenlinien ziemlich altbacken. Mit der Psyko Seven wollten wir dieses Muster durchbrechen. Unser Motto lautete deshalb: Heile deinen Geist. Das Leben ist dermassen chaotisch, gönne deiner Seele eine Aus- zeit. Für die ersten drei Linien arbeiteten wir mit Davidoff-Master-Blender Hendrik Kelner zusammen. Er verwendete sieben Tabake aus sechs verschiedenen Ländern. Woher genau, können Sie übrigens auf der Banderole jeder Zigarre nachlesen.

Sie sind auf die Zusammenarbeit mit anderen Produzenten angewiesen. Wie gestaltet sich diese?
Die meisten Zigarrenhersteller sind uns gegenüber sehr offen. Viele Produzenten kommen sogar auf uns zu. Wenn wir eine neue Zigarre machen, sagen wir von Ventura Cigar im Gegenzug aber auch nicht, dass es unsere eigene ist, sondern stellen den Fabrikanten prominent ins Rampenlicht. So sind tiefgehende Beziehungen entstanden, etwa zu Drew Estate, Davidoff oder E.P. Carillo. Gerade für traditionelle Marken hat die Zusammenarbeit mit uns einen gewissen Reiz.

Erklären Sie.
Ich geniesse den Ruf, anders zu denken. Mit uns kann auch eine Legende der Branche aus ihrem Kokon ausbrechen und einfach mal etwas unter dem Radar produzieren.

Was entsteht bei Aventura Cigar zuerst: die Zigarre oder die Geschichte dazu?
Schwierige Frage, das ist unterschiedlich. Ich habe viele Ideen und Blends, denen aber noch das entscheidende Etwas fehlt. Für mich funktioniert es meistens so: Ich sehe etwas hier und etwas da, weiss aber meist noch nicht, was es bedeutet. Irgendwann kommt dann der Moment, in dem sich alles zusammenfügt und einen Sinn ergibt. Dann beginnt der Sturm im Kopf und ich erinnere mich vielleicht an einen Blend, den ich mal ausprobiert habe, und merke, dass der dafür jetzt gerade perfekt wäre.

Wie viele Zigarren produziert Ventura Cigar pro Jahr?
Wir kommunizieren keine Zahlen. Aber es reicht, um nun auch den europäischen Markt zu bedienen.

Welche Strategie verfolgen Sie im euro­päischen Markt?
Wir starteten langsam, zuerst in der Schweiz, wo wir seit Mai mit drei Psyko-Seven-Formaten präsent sind. Später sollen Deutschland und Frankreich folgen. Der Schritt nach Europa ist für uns insofern wichtig, dass die Zigarrencommunity weltumspannend ist. Erst wenn eine Zigarre in den USA und in Europa akzeptiert ist, hat man eine Marke.

Kommen nebst Psyko Seven bald auch andere Brands von Ventura Cigar, etwa Archetype oder Case Study, nach Europa?
Zurzeit ist nichts geplant, obwohl wir schon Anfragen für Archetype hatten. Case Study wiederum ist eine zu exklusive Geschichte für den Export. Dank unseren guten Beziehungen zu den Fabrikanten kriegen wir manchmal Zugang zu alten Blends, die wir dann unter diesem Label vertreiben. Die Auflage ist aber jeweils sehr klein, manchmal sind es nur 1200 Zigarren.

Soeben lancierten Sie die Psyko Seven Nicaragua in der Schweiz. Was hat es mit dieser Zigarre auf sich?
Sie ist das Werk von Indiana Ortez, der Tochter von Tabaklegende Omar Ortez in Estelí in Nicaragua. Kennen gelernt haben wir uns im Rahmen eines früheren Projekts. Indiana produzierte für uns damals eine spezielle Zigarre zum Vatertag. In den USA ist der Vatertag ein grosses Ding – übrigens in den Zwanzigerjahren von der Tabakindustrie initiiert, um die Verkäufe zu steigern. Auf jeden Fall machte sie für uns eine Zigarre, die so phänomenal gut war, dass ich sie sofort einstellte.

Und sie mit einer eigenen Zigarre aus­statteten.
Die meisten Unternehmen würden einer so jungen Person vermutlich keine eigene Marke geben. Wir tun es, weil wir eben Ventura Cigar sind. Die Tabake der Psyko Seven Nicaragua stammen übrigens alle von den Plantagen der Familie Ortez. In den USA schlug die Marke ein wie eine Bombe. Indiana ist quasi in der Zigarrenfabrik aufgewachsen, kennt sämtliche Aspekte der Produktion und kann mit Menschen umgehen, das ist selten. Wir sind sehr froh, sie bei uns zu haben.