Schweizergarde: Soldat mit Stil

Dominic Bergamin

 
 
 

Auf Instagram inszeniert sich Dominic Bergamin mit Zigarre, Cocktail und massgeschneiderten Kleidern. Im realen Leben beschützt er den Papst. Ein Gespräch über Sicherheit, Follower und den katholischen Glauben.

Wieso traten Sie in den Dienst der päpst­lichen Schweizergarde?
Dominic Bergamin: Ich suchte vor allem ein neues Abenteuer. Die Vorstellung, zwei Jahre lang in Italien zu arbeiten und dabei eine neue Kultur kennenzulernen, faszinierte mich. Der Glaube an Gott stand damals nicht im Vordergrund, der kam erst mit der Zeit, ganz automatisch.

Der Glaube ist ein wichtiges Aufnahme­kriterium?
Es werden nur Katholiken zugelassen, ja. Zwingend sind auch ein guter Leumund und eine Berufslehre oder ein Studium. Zudem muss man Militärdienst geleistet haben.

Wie fanden Sie zum Glauben?
Nun, wir Gardisten sind zum Beispiel dazu verpflichtet, die Sonntagsmesse zu besuchen. Aber darum gehts gar nicht. Ich wohne und arbeite im Vatikan, im Zentrum der katholischen Kirche. Das prägt. Wir erleben den Heiligen Vater in einer anderen Art als die meisten Menschen. Da kommt es immer wieder zu sehr eindrücklichen, emotionalen Momenten. Der Glaube kam bei mir irgendwann einfach so.

Sie sind seit 14 Jahren bei der päpstli­chen Garde. Bleiben viele derart lange?
Nur ein kleiner Prozentsatz. Die meisten machen zwei Jahre. Ich beschloss damals mit einem Kollegen aus der Rekrutenschule, noch ein Jahr dranzuhängen, dann hatte ich eine Freundin und vor sechs Jahren lernte ich meine Frau Joanne kennen. Ab nächstem Jahr habe ich bereits Anrecht auf eine Teilpension, mit 25 Dienstjahren würde ich die volle Pension erhalten.

Wie viel verdient ein Gardist?
Wir haben einen guten Lohn, wenn man berücksichtigt, dass wir weder Miete noch Steuern zahlen.

Hat sich die Aufgabe der Schweizergarde über die Jahre verändert?
Eigentlich nicht. Wir sind für den Schutz des Heiligen Vaters zuständig. Gewandelt haben sich aber natürlich die Umstände, die weltweite Sicherheitslage ist eine andere. In Italien patrouilliert das Militär mittlerweile nicht nur vor Botschaften, sondern teilweise auch vor Universitäten oder auf wichtigen öffentlichen Plätzen. Egal wo der Papst hin- geht, er ist immer ein Hochrisiko-Ziel, vergleichbar mit dem US-amerikanischen Präsidenten.

Sie haben unter zwei Päpsten gedient. In­wiefern unterscheiden sich die beiden?
Jeder Papst hat seine eigene Denkweise und eine eigene Vorstellung, wie er das Papsttum ausfüllen will. Das kriegen wir natürlich mit. Papst Franziskus hat uns Gardisten etwa einen stärkeren Zugang zu den Auslandreisen ermöglicht. Früher übernahm das hauptsächlich die italienische Gendarmerie, die im Vatikan polizeiliche Aufgaben wahrnimmt. So konnte ich Franziskus unter anderem nach Uganda, Georgien, Aserbaidschan oder Myanmar begleiten.

Sie sind verpflichtet, im Notfall Ihr Leben für den Papst zu opfern.
Das schwören wir jeweils am 6. Mai bei der Vereidigung der neuen Gardisten. Obs im Ernstfall dann so ist, ob man den Schwur ernst nimmt, muss jeder für sich selbst ausmachen. Für mich ist klar, dass man diesen Job nicht annimmt, nur um mit der Hellebarde schön vor der Tür zu stehen. Unsere Arbeit ist durchaus stressig, denn eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.

Wie viele Menschen leben eigentlich im Vatikan?
Insgesamt sind es etwa 300, davon sind zirka 150 Gardisten. Und wir haben auch über 20 Kinder, die im Vatikan wohnen, aber in Italien die Schweizer Schule besuchen.

Vor drei Jahren starteten Sie eine zweite Karriere als Instagram-Influencer. Wie kamen Sie dazu?
Anfangs war es ein kleiner Wettstreit mit meiner Frau. Sie hatte relativ schnell 1000 Follower, während ich so auf 300 rumdümpelte. Das wollte ich ändern und begann, Zigarrenbilder zu posten. Dass ich überhaupt Zigarren rauche, verdanke ich ebenfalls meiner Frau. Von einer Kubareise brachte sie mir einen Humidor nach Hause, so nahm das seinen Lauf.

Das heisst, Sie rauchen Zigarren erst seit drei Jahren, als sie auch auf Instagram starteten?
Genau, anfangs wusste ich nicht viel über Zigarren und holte mir viel Know- how über Instagram.

Mittlerweile folgen Ihnen über 30 000 Menschen. Wie haben Sie das hinge­kriegt?
Das ist schwierig zu erklären. Konstanz ist wichtig. Ich poste jeden Tag ein Foto. Es ist wie ein zweiter Beruf. Einfach mal ein Foto schiessen und raufladen, das funktioniert nicht. Ich überlege mir jedes Bild, komponiere es. Ort, Zigarre und Ambiente müssen stimmen. Es geht mir auch darum, meinen eigenen Stil in die Fotos zu kriegen. Am Anfang fotografierte ich immer meine Hand mit einer Zigarre. Vor einem Jahr begann ich, mich ganz ins Bild zu nehmen. Das war dann schon speziell, weil dich plötzlich Leute auf der Strasse erkennen und auch ansprechen.

Was halten eigentlich Ihre Kameraden bei der Schweizergarde von Ihrem Influencerdasein?
Das sind fast alles junge Leute, die Instagram ebenfalls kennen und nutzen, wenn auch nicht auf meinem Level. Sicher ist: Ich bin nicht der einzige Zigarrenraucher im Vatikan.

Instagram ist wie ein zweiter Beruf, sagen Sie. Auch finanziell?
Ich verdiene kein Bargeld, habe aber Partnerschaften, etwa mit einem Online-Zigarrenverkäufer. Und natürlich werde ich an Events eingeladen, erhalte Zigarren oder eine Gratis-Übernachtung. Das Ganze bringt schon Vorteile, aber es kommt nicht von nichts.

Sehen Sie Ihre Zukunft weiterhin in Rom oder anderswo?
Wir planen, noch ein Jahr zu bleiben. Anschliessend gehen wir nach Australien, meine Frau stammt von dort. Ich würde gern ein Geschäft mit Kleidung und Accessoires für den eleganten Mann eröffnen. In Melbourne sehe ich dafür eine Nachfrage.

Eine interessante Karriere: vom Gardist zum Influencer zum Schneider?
Die Mode hat mich immer fasziniert. Wie das Rauchen ist auch die Schneiderei, das Massgeschneiderte zu einer Passion geworden. Ich fühle mich einfach wohl in solchen Kleidern, sie pushen in einem gewissen Sinn meine Selbstsicherheit. In Jeans sieht man mich mittlerweile selten.

Gibts in Ihrem Businessplan auch Platz für Zigarren?
Nur für das Zubehör, etwa Humidore oder Cutter. Zigarren sind in Australien ein schwieriges Geschäft. Auf Premiumzigarren erhebt der Staat 80 Prozent Steuern, eine Wide Churchill kostet in der Schweiz etwa 16 Franken, in Down under sind es 40 Euro. Da lohnt es sich schlicht nicht.

Und was planen Sie mit ihrem Job als Influencer?
Wir werden sehen. Ich würde gerne weiterhin erfolgreich sein auf Instagram, bin aber skeptisch, ob der Hype anhalten wird. Das Problem sind auch wir Influencer, es gibt einfach zu viele von uns.

Dominic Bergamin (35) wuchs auf der Lenzerheide und später in der Stadt Zürich auf. Nach einer Kochlehre absolvierte er den Militärdienst bis zum Grad eines Fouriers. 2005 trat Bergamin als 21-Jähriger der päpstlichen Schweizergarde im Vatikan bei, in der er heute im Rang eines Korporals dient. Vor drei Jahren startete Bergamin eine zweite Karriere als Zigarre rauchender Influencer auf Instagram. Über 32 000 Menschen folgen mittlerweile seinem Account @domberga. Bergamin lebt zusammen mit seiner Frau Joanne im Vatikan.