Cigarrenfabrik August Schuster wird dieses Jahr 110 Jahre alt

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Es ist einer der letzten zehn Zigarrenhersteller in Deutschland – von ehemals mehr als 2.000. Ein Porträt

Bünde. Vor Marita Schwarz auf dem Tisch liegt ein kleiner Stapel Tabakblätter. Eines nach dem anderen breitet sie faltenfrei über die Edelstahlfläche. Im Sekundentakt holt sich der Arm der Maschine das Blatt und wickelt den Zigarrenrohling darin ein. Die fertigen Zigarren laufen über ein Förderband und stapeln sich wie Brennholz in einem Kasten zu Marita Schwarz? rechter Hand.

An der Maschine hinter Schwarz macht ihre Kollegin Pathmawath Benjamin ähnliche Bewegungen, die übrigen Maschinen im Raum stehen still. Es sind allesamt Maschinen aus den 1960er Jahren, lediglich modernisiert. Massenproduktion, Beschleunigung und Computerisierung der Arbeitsabläufe? Fehlanzeige. Sogar die Zigarrenkästchen stellt Schuster selbst her.

DIE SCHREINEREI

Produktion und Vertrieb verteilen sich auf drei Stockwerke des Firmengebäudes von 1911. In der Schreinerei im Erdgeschoss arbeiten sieben Mitarbeiter: Einer schneidet das Holz zu, sägt die Verzahnungen heraus, eine Kollegin klebt die Teile zu Kästen zusammen, der nächste schraubt Scharniere an, eine Kollegin beklebt die Kästchen für die Zigarrenmarke Brasil Trüllerie mit aufwendigem Papierdekor. Die Auszubildende versieht an diesem Vormittag jedes Kästchen mit einem Warnaufkleber wie „Rauchen ist tödlich“. Unscheinbar im Nebenraum steht das älteste Schätzchen: eine Buchdruckmaschine von 1928. Sie drückt Schriftzüge in das weiche Holz der Kästchen, die schwarze Schrift sieht aus wie eingebrannt.

VON HAND GEPACKT

Unterm Dach des Firmengebäudes im zweiten Stock türmen sich leere Zigarrenkisten auf dem Arbeitstisch von Susanne Rathert und Malini Puvanenthiran. Sie verpacken die Zigarren von Hand, legen eine Schuster-Zigarre nach der anderen in die Kästchen. Zwei Kollegen im Raum nebenan verpacken die Kästchen in Kartons, machen sie fertig für den Versand. Was nicht gleich verschickt wird, bringen sie ins Lager einen Raum weiter.

Die Cigarrenfabrik August Schuster wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die Familie Schuster hat keinen Rationalisierungstrend mitgemacht – und konnte sich damit in einer Zeit, in der hunderte Zigarrenunternehmen starben, halten. Schuster stellt Zigarren und Zigarillos aus reinem Tabak her, ohne Aroma- oder sonstige Zusatzstoffe. „Wir sind da Puristen“, sagt Philipp Schuster. Ihre Premium-Zigarillo schmecke heute noch so wie zu den Zeiten seines Großvaters.

DER FIRMENGRÜNDER

Der gründete als Sohn eines Bäckers aus Dünne 1898 mit einem seiner Brüder das Zigarrenunternehmen Gebrüder Schuster. Nicht weit von der Weser und später der Bahnlinie verkehrsgünstig gelegen, hatte sich in der strukturschwachen Region in und um Bünde Mitte des 19. Jahrhunderts die Tabakindustrie angesiedelt. 1909 entzweiten sich die beiden Brüder, Großvater August Schuster machte alleine weiter. Er gründete die Cigarrenfabrik August Schuster.

DER TABAK

Drei Millionen Zigarren produziert Schuster pro Jahr in Bünde, den Tabak dafür importiert die Firma aus Brasilien, Kuba, der Dominikanischen Republik, Indonesien und Nicaragua. Im Keller des Firmengebäudes an der Blumenstraße lagern die großen Tabakballen, je nach Herkunftsland eingeschlagen in Palmblätter, Jutesäcke oder Bast. Auch wenn Schuster ab sofort keinen Tabak mehr kaufen würde, könnten sie noch zwei Jahre Zigarren herstellen. Mit diesem Vorrat können sie schlechte Tabakjahre ausgleichen. Ähnlich wie beim Wein gibt es gute und schlechte Jahre. Geschäftspartner in Nicaragua, Honduras und der Dominikanischen Republik stellen zudem handgerollte Zigarren nach den Vorgaben von Schuster her. 3,2 Millionen Euro Umsatz hat Schuster in 2018 erwirtschaftet.

EIN NISCHENPRODUKT

95 Prozent der kleinen Zigarillos auf dem Markt seien häufig aromatisiert, sagt Philipp Schuster. Mit ihren nicht-aromatisierten reinen Tabak-Produkten stellten sie ein Nischenprodukt her und deckten lediglich 4,5 Prozent des Marktes ab. Bereits der Großvater habe die Weichen für Qualität statt Quantität gestellt. „Wir bedienen einen Bereich, den die großen Hersteller nicht machen wollen.“ Schusters Maschinen schaffen 5.000 bis 10.000 Zigarren-Rohlinge pro Tag, das heißt ohne Deckblatt. Moderne Maschinen wickeln 1.400 Rohlinge pro Minute.

AUS DER GESCHICHTE

Zur Zeit des von Adolf Hitler erlassenen Maschinenverbots um Arbeitsplätze zu schaffen, beschäftigte Schuster 1.000 Mitarbeiter, zu Hause und in Filialen rollten sie die Zigarren per Hand. In den 1930er und 1940er Jahren wurden in Deutschland 8,5 Milliarden Zigarren verkauft, die Hochzeit der Zigarre. 1949 gab es in Bünde 248 Zigarrenunternehmen, heute sind es noch drei: Das Schweizer Unternehmen Villiger in Dünne, Arnold André und August Schuster.

Bis in die 1950er Jahre gab es in Deutschland mehr als 2.000 Zigarrenhersteller. Jede zweite in Deutschland verkaufte Zigarre kam damals aus Bünde. Heute gibt es noch zehn Hersteller in Deutschland, 1,1 Milliarden Zigarren werden pro Jahr noch verkauft.

Philipp Schusters Vater Hans übernahm das Unternehmen 1953/54, da hatte es noch 600 Mitarbeiter. Philipp Schuster stieg nach dem Tod des Vaters 1983 mit seinem Bruder Manfred in das Familienunternehmen ein. Heute beschäftigt Schuster noch 30 Mitarbeiter. Manfred Schuster (70) hat sich seit gut 1,5 Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen.

DIE JUNGE GENERATION

Auch Philipp Schuster wird in diesem Monat 65 und möchte sich langsam zurückziehen, Tochter Annemarie (29) und ihr Cousin Oliver Schuster (44) sind seit vier Jahren in der Geschäftsführung und werden das Unternehmen weiterführen. Sie werde einiges anders machen als ihr Vater, sagt Annemarie Schuster, das sei ja bei einem Generationswechsel normal. Und doch wird sie die Tradition des Hauses fortführen, die es seit 110 Jahren bestehen lässt.