Das Antidepressivum: Farben und Zigarren

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Wann immer ich mich für etwas zu interessieren beginne, will ich alles darüber wissen. Man sieht, hört, schmeckt bekanntlich nur das, was man weiß.

Zu Beginn meines Studiums las ich Max Doerners bis heute erhältliches Standardwerk „Malmaterial und seine Verwendung im Bilde“ und bekam umgehend Lust darauf, mir die zum Malen verwendeten Farben selber herzustellen. Nicht um Geld zu sparen, sondern um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Künstler in früheren Zeiten vorgehen mussten, um arbeiten zu können. Doerner (1870 bis 1939) war Maler, Restaurator und Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München. In seinem 1921 erstmals erschienenen Buch erläutert er unter anderem, aus welchen Grundmaterialien die Maler der Vergangenheit ihre Farben anfertigten oder anfertigen ließen. Letzteres, sofern sie es sich leisten konnten, von Mitarbeitern ihres Ateliers oder von professionellen Farbenhändlern. Weniger Wohlhabende hingegen mussten sich selber damit befassen, Grundstoffe zu suchen, aus denen Pigmente gewonnen werden konnten, die sich mit Öl oder Ei zu einer verstreichbaren Farbe mischen ließen.

Wer den Doerner heute zur Hand nimmt, lernt so viel über die faszinierende Geschichte der Farben, dass er danach Bilder alter Meister mit ganz neuen Blicken sieht. Vor allem leuchtende Farben waren, ehe es möglich wurde, sie zu synthetisieren, oft äußest schwer zu gewinnen. Ein wunderbar transparentes, sehr warmes Gelb zum Beispiel, dessen Name „Indisch Gelb“ lautet, wurde aus dem Urin von Rindern gewonnen, die mit Mangoblättern gefüttert wurden. Andere Farben ließen sich mit den Kenntnissen von Alchemisten erzeugen, und nicht wenige Pigmente waren extrem giftig, so das Schweinfurter Grün, das Kremser Weiß, das Kobaltviolett und das Bleiweiß. Diese und manche mehr konnten allein schon durch Einatmen den Maler zu „jahrelangem Siechtum“ (Doerner) verdammen. Sicher weiß kaum ein Kunstfreund, dass sich etliche Maler selber vergifteten, wenn sie, in Unkenntnis der Gefahr, die Spitzen ihrer Pinsel mit den Lippen anfeuchteten oder sorglos die staubigen Pigmente im Mörser zerdrückten.

Mit solchen gefährlichen Dingen habe ich mich tunlichst nicht belastet, aber aus erdigen Gründen Pigmente zu rühren, das machte Spaß. Und Arbeit. So sehr, dass ich mich anschließend gar nicht dazu überwinden konnte, damit auch wirklich zu malen. Es genügte mir, mich am Anblick der Gläser zu erfreuen, in denen Ocker, Eisenocker und Terra des Siena matt leuchteten; gemalt wurde dann doch mit Farben aus der Tube vom Händler an der Ecke. Synthetisch, lichtecht, ungiftig und farbstark.

Die Unfähigkeit, mal eben eine Zigarre zu rollen

Meine erste (und einzige) selbst gerollte Zigarre war nie in Gefahr, geraucht zu werden, dazu war ihre Architektur einfach nicht stabil genug. Eigentlich bestand sie nur aus ein paar rund gerollten Fitzeln von Tabakblättern, die so lange zusammen hielten, wie man sie mit Daumen und Zeigefinger zusammen presste. Dies geschah auf einer Zigarrenreise nach La Palma, wo Tabak angebaut und zu Zigarren verarbeitet wird, wie auch auf Gran Canaria und Teneriffa. Man hatte eine kleine Gruppe von Händlern und Journalisten eingeladen, um dabei zu helfen, die kanarischen Zigarren überregional bekannt zu machen. Und in Brena Alta oberhalb von Santa Cruz durften wir dann in einem Zucht- und Ordnungsbetrieb unsere Unfähigkeit beweisen, mal eben eine Zigarre zu rollen, schön ordentlich aus Einlage, Umblatt und Deckblatt. Der Versuch vermittelte einen durchaus nachhaltigen Eindruck davon, welche Kunst in der Herstellung einer handgemachten Zigarre liegt. Selbst Menschen, die im Leben keine Havana zwischen die Lippen schieben, geschweige denn anzünden würden, sind fasziniert von der Kunst, die für ihre Fertigung nötig ist.

Nebenbei: in Brena Alta befindet sich die Finca Tabaquera El Sitio, die man auch besuchen kann. Ihr Besitzer ist ein alter Hase im Tabakwesen, Don Antonio González García. Dieser entdeckte 2002 auf der Insel eine alte Tabaksorte, Pelo de oro, die man für ausgestorben hielt oder nicht weiter kultiviert hatte, da sie weniger Ertrag als andere lieferte. Der Don begann, diese Sorte wieder anzubauen und zu verfeinern, und seit einigen Jahren fertigt er daraus Zigarren von außergewöhnlicher Qualität, bei der alle Bestandteile aus kanarischem Tabak stammen. Das ist selten und wird sonst nur in Cuba mit cubanischen Tabaken praktiziert; andere Zigarren enthalten meist Tabake verschiedener Herkunftsländer, da kaum ein Land für jeden Bestandteil die optimalen Bedingungen besitzt. Deckblätter, die Kleider der Zigarre, kommen dann zum Beispiel aus Equador, Umblätter aus Nicaragua, Einlagen aus Honduras. Ja, es ist eine große Kunst.

Als ich begann, Zigarre zu rauchen, wollte ich natürlich auch wieder alles darüber wissen, so wie bei Farbe und Firnis. Ich kaufte Bücher und Magazine zum Thema, und zwei Jahre später schrieb ich dann selber für diese. Und das wichtigste: ich wusste, was ich rauchte, und das schmeckte ich dann auch.

Auf dem Titelblatt des Schweizer Magazins Cigar erschien bei einem der ersten Hefte 1995 das Bild eines wettergegerbten Gesichts; ein anonymer cubanischer Zigarrenpflanzer, den die Redaktion besonders fotogen fand. Wenige Jahre später war dieser Mann namens Alejandro Robaina ein Superstar in der Zigarrenwelt, er trat aus der Anonymität heraus, als ihm von der Habanos, dem cubanischen Tabakmonopol, eine eigene Marke gewidmet wurde, die Vegas Robaina heißt.

Bert ohne seine hochhackigen Cowboystiefel

Nebenbei: Für Cigar schrieb ich 2006 ein unfassendes Portrait über den auch als „Puff Daddy“ bekannten „Rotlichtkönig“ Bert Wollersheim, da ich wusste, dass der Mann auf Zigarren steht, natürlich Cohiba. Jeder Schreiberling weiß: Wenn man nicht ein Relotius ist, muss man vor Ort recherchieren, und sei es noch so schweißtreibend und gefährlich. In diesem Falle musste ich also in die Hölle des Löwen, in Wollersheims Düsseldorfer Rote Meile. Darüber ließe sich manches erzählen, das wenigste davon schlüpfriges Zeug.

Mein persönlicher Höhepunkt war ohne Frage der, für Bert als Lichtdouble dienen zu müssen. Das kam so: Ich musste kurz nach Ablieferung der Story wieder in die Rethelstraße, damit ein Fototeam Bilder zum Artikel schießen konnte. Während Wollersheim geschminkt wurde und dabei überlegte, mit welcher seiner Frauen er auf das Cover der Cigar kommen wollte, wurde ich auf einer Art Thron ausgeleuchtet, damit diese Arbeit erledigt war, wenn es ernst wurde. Die ganzen Einstellungen mit mir erwiesen sich allerdings als nutzlos, da Bert ohne seine hochhackigen Cowboystiefel um einiges kleiner ist als ich (und ich bin schon nicht der Größte).

Die Visagistin und ich sahen uns das eine Zeit lang an und flirteten dabei heftig miteiander, was ich einzig auf die erotisch stark aufgeheizte Atmosphäre der Umgebung zurückführe. Immerhin ließen sich hier anspruchsvolle, reiche und prominente Mitmenschen die Türe aufhalten, und zu Messezeiten… aber ich schweife ab. Das Ganze war ein Riesenspaß und hatte zudem noch Folgen. Empörte Schweizer Leser*innen des Cigar kündigten ihre Abos, und der Talkmaster Kurt Aeschbacher wurde durch meinen Text auf Wollersheim aufmerksam und ließ ihn gleich samt Entourage für eine Sendung nach Zürich einfliegen.

Zurück nach Cuba. Robaina war nicht nur ein Fachmann ersten Ranges, was das alles andere als einfache Pflanzen und anschließende Weiterverarbeiten von Tabak betrifft. Er hatte es nach der Machtübernahme durch Castro als Sprecher der Tabakbauern geschafft, den Comandante Fidel davon zu überzeugen, dass die Tabakproduktion nur im Familienbetrieb gut funktioniert. Wäre sie dem Kollektiv anheim gefallen, hätte man vermutlich nach kurzer Zeit die Blätter nicht einmal mehr zum Brennen bringen können. Was, hier am Rande erwähnt, die Planerfüller tatsächlich zu Beginn der 2000er Jahre schafften: Eine neu gezüchtete Tabaksorte war zwar resistenter gegen pflanzliche und tierische Schädlinge als die bisherigen, brannte dafür aber nur noch ausgesprochen widerwillig – für eine Zigarre doch eher ein ziemliches Manko.

Ein humorvoller, hellwacher alter Herr

Der Don hatte sich durch seinen wesentlichen Beitrag am Erfolg der Havanas trotz Castro und Co. einige Privilegien erworben; er bekam nun auch noch die Chance, als Botschafter seiner neuen Marke wichtige Absatzländer für cubanische Zigarren zu besuchen. Durch Freunde eng mit der Habanos und deren Produkten verbunden, hatte ich in den folgenden Jahren mehrfach die Gelegenheit, ihn pesönlich zu treffen. Ein humorvoller, hellwacher alter Herr, der stets einen Blick für hübsche Frauen hatte, was mich bei einem Treffen am Bodensee einmal regelrecht eifersüchtig machte, hatte meine Begleiterin doch deutlich mehr Interesse daran, ihm die Haare zu kraulen als mir.

Sehr gerne erinnere ich mich auch an ein gemeinsames Essen im kleinen Kreis in der Küche eines Chinesen in Düsseldorf, bei dem es nicht das übliche, den Langnasen als chinesisch untergeschobene Zeuch gab, sondern authentische Speisen wie Hühnerfüße und -kämme sowie weitere Gänge, von denen ich bis heute nicht weiß (und nicht wissen möchte), was das war. Robaina mochte alles, was serviert wurde und unterhielt die kleine Gesellschaft bis spät in die Nacht mit seinem trockenen Humor. Einmal erzählte er nach einem Diner, er überlege, sich liften zu lassen, angesichts der vielen tiefen Falten im Gesicht. Dann fasste er an seine Stirn und meinte, diese Haut würde wohl anschließend seinen Po bedecken.

Es war auffällig, dass bei jedem seiner Besuche immer ein cubanischer Betreuer – oder Aufpasser? – dabei war. Meist alles nette Burschen, die keinen Mojito stehen ließen, zu flirten verstanden und das Tanzbein zu schwingen wussten. Sie waren aber auch durchaus einmal rigoros, wenn es darum ging, den alten Herrn in die Heia zu bringen. Und sie waren für den exakten Einhalt des Programms verantwortlich. Das wirkte manchmal etwas sehr rigide, war aber sicher nur gut gemeint.

Ich habe in meinem Humidor einige Zigarren im Format Doppel-Corona, die keine Bauchbinde tragen. Der Don schenkte sie mir bei einer Gelegenheit in einer Casa de Habano, als wir beisammen saßen und ich mir eine Vegas Robaina anzünden wollte. Die nahm er mir aus der Hand, griff in die Innentasche seines Jackets und zog diese wunderbar samtig glänzenden Zigarren mit Maduro-Deckblättern hervor. Ich solle die Vegas weg legen, das hier sei der wahre Stoff, den es nur bei ihm gebe.

Wir saßen danach in feisten Ledersesseln und rauchten zwei Exemplare dieser Wunderwerke, und natürlich hatte er recht, so eine Zigarre gab es nirgendwo zu kaufen. Ich erfuhr: Sie wurden speziell für ihn von seinem Leibtorcedor gerollt, aus seinen Tabaken, aus seinem Schatzlager, und er hatte davon genügend nach Deutschland mitgebracht, um nicht im Laufe der Reise aufs Trockene zu laufen. Das war vor gut 20 Jahren, seitdem hüte ich die übrig Gebliebenen bei stets gleichbleibender Luftfeuchtigkeit und Temperatur in einem eigenen Humidor, der wohlgeschützt im Zigarrenschrank steht. Eigentlich wollte ich sie für immer aufbewahren, aber mit zunehmendem Alter neige ich dazu, sie dann doch demnächst in Rauch aufgehen zu lassen.

2006 sah ich den Don zum letzten Mal, ich habe ein wunderbares Foto, auf dem ihm seine cubanische Begleiterin gegen die kalte Schweizer Novemberluft sorgfältig Mütze und Schal verpasst hat. Nach dem Foto umarmte man sich noch einmal herzlich, dann hieß es Abschied nehmen. 2010 ist Alejandro Robaina auf seiner Finca nahe San Luis in der Provinz Pinar del Río gestorben, mit 89 Jahren. Nicht schlecht für einen Mann, der sich sein ganzes Leben lang mit dem Rauchen vergiftet hat.