Die Zigarren-Pioniere

Tönnies Wellensiek und August Steinmeister waren zwei erfolgreiche Geschäftsleute, die wesentlich dazu beigetragen haben, dass Bünde deutschlandweit als die „Zigarrenstadt“ bekannt wurde

Bünde. Das im November 1990 an der Bahnhofstraße unterhalb der Kirchhofsmauer aufgestellte Denkmal erinnert an die beiden Zigarrenpioniere Tönnies Heinrich Wellensiek und August Ferdinand Steinmeister, die den Ruf Bündes als Zigarrenstadt maßgeblich begründet haben. Damit sind beide zweifellos zwei Bünder Köpfe, die die Stadt geprägt haben.

Tönnies Wellensiek, laut Kirchenbuch am 4. Mai 1821 als Sohn eines Heuerlings in Muckum geboren, war im Jahre 1836 nach Bremen gegangen und hatte bei der Firma Himmelmann & Burdorf das Zigarrenmachen gelernt. Später arbeitete er in der Zigarrenfabrik der Gebrüder Kreymborg.

Nachdem sein erster Versuch, sich in Bremen selbstständig zu machen, gescheitert war, kehrte Wellensiek im Jahre 1843 nach Ennigloh zurück, wo er mit dem Tabak, den er aus Bremen mitgebracht hatte, einen neuen, erfolgreicheren Vorstoß unternahm.

Nach wenigen Jahren zog Tönnies Wellensiek nach Bünde in das größere Haus des Tabakfabrikanten Meyer an der Eschstraße 22 um. Wellensiek lieferte die in seiner Manufaktur hergestellten Zigarren unter anderem an die Firmen Gebrüder André in Osnabrück, Steinmeister & Grauhan in Hagen und Theodor Rocholl in Minden.

In Minden entstand der erste Kontakt

August Ferdinand Steinmeister wurde am 15. Juni 1820 in Eslohe (Sauerland) geboren. Nach der Konfirmation absolvierte der junge August eine kaufmännische Lehre bei Friedrich Philipp Groos, der in Erwitte eine Tabak- und Zigarrenfabrik besaß. August Steinmeister wohnte dabei im Hause seines Lehrherren.

Vermutlich Ende der 1830er Jahre, nach Abschluss der Lehre, siedelte August Steinmeister nach Minden über, wo er für den Zigarrenfabrikanten Theodor Rocholl als Korrespondent und Handlungsreisender tätig war. Hier in Minden entstand wohl auch der erste Kontakt zu Tönnies Wellensiek.

Im Jahre 1847 gründete August Steinmeister zusammen mit Friedrich Grauhan in Hagen die Zigarrenfabrik Steinmeister & Grauhan. Die Partnerschaft endete im Jahre 1855. Am 1. Januar 1856 wurde August Steinmeister Teilhaber an dem „Cigarren-Fabrik-Geschäft“ Tönnies Wellensieks in Bünde. Beide Partner brachten je 8.000 Taler in bar und in Sachwerten in die neue Firma ein, die hinfort „Steinmeister & Wellensiek“ hieß.

Nur 54 Jahre alt

Nach dem Eintritt des versierten Kaufmanns August Steinmeister in das Geschäft – und begünstigt durch den Anschluss Bündes an das Eisenbahnnetz – stieg der Umsatz des Unternehmens beträchtlich: von 165.780 Talern im Jahre 1858 auf 710.718 Taler im Jahre 1871.

August Steinmeister wurde nur 54 Jahre alt. Er starb am 27. Juni 1874. Für ihn traten seine Frau Ottilie und die Söhne August jr. und Carl in das Unternehmen ein. Weitere Teilhaber waren – neben Tönnies Wellensiek – Hermann Heinrich Wellensiek, der Bruder des Firmengründers, sowie die Söhne Fritz und August Wellensiek.

1890 beschäftigte das Unternehmen, dessen Stammsitz an der Kaiser-Wilhelm-Straße – dem heutigen Bünder Modehaus – gerade baulich erweitert worden war, nahezu 1.400 Arbeiter, die in 30 Filialen in Bünde und Umgebung tätig waren.

Am 1. Januar 1899 wurde das Unternehmen in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt, wobei das Unternehmen über ein Stammkapital in Höhe von 2,4 Millionen Mark verfügte.

Nach dem Tode seiner ersten Frau Rebecca Marie Meyer heiratete Tönnies Wellensiek, dem inzwischen der Titel Kommerzienrat verliehen worden war, 1886 Pauline Auguste Friederike Kley, Tochter eines Arztes aus Rahden. Dieser Ehe entstammten zwei weitere Kinder: Marie Pauline Elisabeth und Tönnies jr..

„Schlicht in seinem Wesen“

Tönnies Wellensiek starb am 19. Mai 1903 in Bünde. In dem in der örtlichen Tageszeitung veröffentlichten Nachruf hieß es unter anderem: „Schlicht in seinem Wesen, bescheiden in seinen Ansprüchen, lebte und schaffte er an seinem Platze, ohne sich an dem Hader der Parteien zu beteiligen. Eine echte Westfalennatur sinkt mit ihm ins Grab. Der sichtliche Segen seiner Arbeit wird fortdauern.“

Das Unternehmen Steinmeister & Wellensiek bestand bis 1956. Im Zuge der Bereinigung der Zigarrenindustrie stellte das Unternehmen die Produktion ein und kassierte dafür eine staatliche Liquidationsbeihilfe in Höhe von 110.000 DM.

In der örtlichen Geschichtsschreibung wurden die Verdienste Tönnies Wellensieks um die Bünder Zigarrenindustrie in der Regel stärker gewürdigt als die des früh verstorbenen August Steinmeisters. Dagegen wandten sich Angehörige der Familie Steinmeister. Erst „durch den Hinzutritt von August Steinmeister wurde die Fabrik zum Großunternehmen.“ August Steinmeister sei der „leitende Geist“ des Unternehmens gewesen.