Fast alles dreht sich um Zigarren

Die Lorscher Kerb wird erneut ihrem Anspruch gerecht, ein Tabak-Fest zu sein. Doch überraschenderweise wird ein Bierfass zum Hauptdarsteller.

LORSCH – Die Lorscher Kerwe war auch in diesem Jahr wieder für so manche Überraschung gut. Vor allem bei der Eröffnung am Samstag. Unbekannte haben zuvor das Bierfass gestohlen. In der Klosterstadt nahm man es mit Humor, denn ein Ersatzfass war schnell organisiert. Geboten wurde dem Besucher auch darüber hinaus eine Menge Unterhaltungswert.

Überall in der Region wird in diesen Tagen gefeiert. In vielen Fällen nennt sich die Veranstaltung Winzer-, Wein- oder Bierfest. In Lorsch sind sie stolz auf eine andere Tradition. Die ansässige Kerb wird nun schon seit einigen Jahren mit dem von der Verwaltung ersonnenen „Tabak-Fest“ verknüpft. Die Umbenennung zur „Tabak-Kerb“ war nach kurzer Zeit am Widerstand unter anderem der Kirchen gescheitert, aber das Nebeneinander funktioniert gut.

Soldaten bringen die Kulturpflanze mit

Es waren wohl spanische Soldaten, mit denen die Kulturpflanze im Dreißigjährigen Krieg ins Ried gelangte. Ursprünglich stammt sie aus Amerika. In Lorsch fand sie eine neue Heimat, und im 20. Jahrhundert schuf die Produktion hochwertiger Zigarren Arbeitsplätze und einen bescheidenen Wohlstand in der Region. Heute erinnern die ständigen Ausstellungen im Museumszentrum und in dem erst vor einem Jahr eröffneten „Tabak-Schuppen“ nahe dem Freilichtlabor Lauresham an diese Tage.

Das „Tabak-Projekt“, das von seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern lebt, kümmert sich um die Pflege des kulturellen Erbes. So wurde unter anderem ein neues Anbaufeld vor den Toren der Klosterstadt angelegt. Der erwähnte „Tabak-Schuppen“ öffnete am Sonntag seine Türen. Wer die Ausstellung zum Thema Tabakanbau unter diesem Dach besuchen wollte, konnte das bei freiem Eintritt tun. Im Museumszentrum widmet sich eine Abteilung in erster Linie der Verarbeitung der Kulturpflanze. Wie wurden vor 100 Jahren in Lorsch Zigarren gedreht? Eine sehr praktische Antwort erhielten Besucher auf dem Benediktinerplatz. Im Schatten der Torhalle stellten Annette Meisler und Nlandu Kwediakebo aus Köln die Schritte hin zu einer adäquat hergestellten Zigarre vor. Bis heute handelt es sich dabei um Handarbeit. Denn eine maschinelle Produktion gibt es noch in keinem Land der Welt. Annette Meisler ist Veranstaltungskauffrau und eine Kennerin der internationalen Zigarrenkultur. Als solche leitete sie am Samstagnachmittag auch ein Genussseminar im Keller des Museumszentrums, an dem zahlreiche Gäste teilnahmen. Im Stockwerk darüber war die Vernissage „Kuba, Tabak und Zigarren“ mit Bildern kubanischer Künstler zu sehen. Interessant war neben den Illustrationen von Kultur und Alltag auch die aus Tabakblättern gewonnene Tinte der Linoleumschnitte.

Eine weitere Attraktion waren die frisch geernteten Tabakblätter vom Anbaufeld bei Lauresham, die zum Trocknen auf dem Benediktinerplatz aufgehängt wurden. Unter der Anleitung von Mitarbeitern des Lorscher Tabak-Projekts konnten sich Besucher einmal selbst daran versuchen, die Blätter nach alter Sitte aneinanderzunähen.

Die Lorscher Tabakkultur soll es übrigens im Idealfall schon bald in die Liste des Immateriellen Weltkulturerbes der Unesco schaffen, wie Kulturamtsleiterin Gabi Dewald im Gespräch mit dieser Zeitung verriet. Der Antrag ist in Vorbereitung und soll im nächsten Jahr offiziell eingereicht werden.

Verbal gab es am Samstagnachmittag auf die Ohren, als Stadtschreiber Andreas Adams im prächtigen Ornat die Kerwe-Rede hielt. Das stibitzte Bierfass war allerdings auch noch beim verkaufsoffenen Sonntag das Stadtgespräch.

Die eigentliche Kerb in Lorsch war, begünstigt vom Wetter, von viel Betrieb und zahlreichen Musikgruppen geprägt, die offensichtlich den Geschmack der Besucher trafen.